Die COVID19-Krise in Österreich ist vorerst durch. Mit dem Ende des Lock-downs geht nun für uns alle eine Lebensphase zu Ende, die bis dato undenkbar schien.  Ungewohnt war dabei auch ein von den politischen Entscheidungsträgern praktizierter Führungsstil, den man so in den Unternehmen nur mehr selten antrifft: Management by Angst.

Es lohnt sich einen Blick darauf zu werfen, inwieweit diese Angststeuerung ein probates Mittel ist, um Menschen in deren Krisenresistenz auch mittel- und langfristig zu festigen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil nun von denselben Entscheidungsträgern für den weiteren Umgang mit der COVID-Krise die Eigenverantwortung des Einzelnen eingefordert wird.

Da stellt sich bloß die Frage: Wo soll diese so plötzlich herkommen?

Das Comeback der patriarchalischen Führung

Führungstheorien gibt es viele. Vom autoritären Führungsstil bis hin zu sich selbst steuernden Teams. Welche Art von Führung von den jeweiligen Leadern praktiziert wird, ist immer von mehreren Faktoren abhängig. Von deren eigener Prägung und  deren Rollenverständnis, vom Ausmaß des Vertrauens in die Stärken des eigenen Teams und natürlich von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Der idealtypische Führungsstil ist also flexibel und orientiert sich immer situativ am Umfeld.

Wenn’s brennt, bleibt wenig Zeit für lange Diskussionen. Dann geht es darum, in einer Ausnahmesituation schnell und entschlossen zu handeln. Einer befiehlt und alle ordnen sich unter. Jeder weiß, was er zu tun hat und die Maschinerie kommt rasch ins Rollen. Nicht umsonst ist dieser autoritäre Stil vorwiegend in Krisenorganisationen wie dem Militär oder der Feuerwehr anzutreffen. Und wurde daher wenig überraschend von vielen Regierungen im Rahmen der COVID19-Krise praktiziert.

Oft gekoppelt mit einem Führungsstil, den man sehr oft in familiengeführten Unternehmen antrifft: der patriarchalischen Führung. Auch hier entscheidet nur einer, nämlich das Oberhaupt der Familie, und alle anderen haben sich unterzuordnen. Mitarbeiter in solchen Unternehmen bekommen als Lohn für diese Unterwerfung vom „väterlichen Führer“ die Zusicherung, dass für ihre Bedürfnisse gesorgt wird. „Koste es, was es wolle“ – ein Statement, dass diesem patriarchalischen Gedankengut entspricht.

Schnell und entschlossen handeln und gleichzeitig Panik vermeiden – ein professioneller Ansatz in der Krise. Wenn da nicht das Thema mit der Angst wäre….

Heute angstgesteuert, morgen eigenverantwortlich?

Führungskräfte, die über Angst steuern, haben wenig Vertrauen in die Fähigkeiten ihrer Mitarbeiter. Solche Führungskräfte meinen daher, sie müssen ihre Mitarbeiter mit Angst zu besseren Leistungen oder zu einem gewünschten Verhalten „motivieren“. Ein Trugschluss der fatale Folgen hat. Möglicherweise wird mittels Management by Angst kurzfristig das gewünschte Ziel erreicht. Aber langfristig wird dadurch eine Kultur des Misstrauens, des mangelnden Selbstwerts und von fehlender Eigenverantwortung geschaffen.

In einem Team, das über Angst geführt wird, kann sich auch kein Potential für Lernen durch Fehler entwickeln. Im Gegenteil, Angststeuerung und Verbote engen ein, führen zu Resignation und damit letztendlich zum Stillstand. Ein derart paralysiertes Team ist ihrem Leader völlig ausgeliefert und verfällt in Abhängigkeit. Auch ist in solchen „Führerkulturen“ das Risiko von Fehlentscheidungen besonders hoch, Liegt die Führungskraft mit ihrer Einschätzung der Situation falsch, fehlt das notwendige Korrektiv im Team.

Wer sich mit Unternehmenskulturen befasst, weiß wie langwierig und schwierig es ist, die Mentalität und den Spirit einer Organisation zu verändern. Und wie unglaubwürdig Führungskräfte wirken, die ihren Führungsstil von heute auf morgen wechseln. Es verwundert daher, wenn Entscheidungsträger, die über Monate hinweg auf Angstbotschaften gesetzt haben, plötzlich den Schwenk hin zur Forderung nach mehr Eigenverantwortung des Einzelnen propagieren. Woher soll diese auf einmal kommen?

Man kann kein eigenständiges Agieren von jemanden erwarten, der zuvor wochenlang mit der Botschaft: „Rühr dich nicht vom Fleck“ klein gehalten wurde. So gut die „Schockstarre“ der Gesellschaft am Beginn der COVID19-Krise gelungen ist: Was so eine Intervention mittel- und langfristig mit den betroffenen Menschen macht, wurde möglicherweise zu wenig bedacht. Schlecht, denn die nächsten Krisen stehen vor der Tür – eine dramatische Wirtschaftskrise und in deren Folge wohl auch eine veritable Gesellschaftskrise.

Sind wir darauf mental gut vorbereitet? Diese Frage mag jeder für sich beantworten.

Fazit – Eine lange Ära der Scheinsicherheit geht zu Ende

Wir sollten uns jedenfalls möglichst schnell von dem Irrglauben verabschieden, dass wir in unserem Leben alles steuern und kontrollieren können. Und dass der Staat für jedes Problem eine Lösung hat. Viel zu lange wurden wir mit dieser Scheinsicherheit bespielt. Wir waren aber auch ein dankbares Publikum. Denn diese Botschaften haben wir gerne gehört: Wachstum ohne Ende, eine Medizin, die alles heilt, Sozialsysteme, die jeden auffangen. Kurz gesagt, niemand fällt durch den Rost und allen geht es gut. Wer will das nicht?

Dass es schon seit Jahrzehnten knirscht im Wirtschafts-Gebälk, weil auch das Wachstum in der Natur nicht unendlich ist – diese Logik haben wir verdrängt. Schlimmer – wir haben wider besseres Wissens versucht, die Konsumspirale mittels immer neuer Schulden ins Unendliche zu steigern. Und damit die Naturgesetze außer Kraft zu setzen. Der weltweite wirtschaftliche Lock-down hat uns nun die Grenzen dieses Handelns aufgezeigt. Und damit wohl auch das Ende dieser Scheinsicherheit eingeläutet.

Der Umgang mit Unsicherheit wird in den kommenden Jahren der bestimmende Faktor in unserem Leben sein. Diese Fähigkeit kann man sich aber nur aneignen, wenn man unsichere Zeiten auch erlebt. Angststeuerung von außen wird uns dabei nicht weiterbringen, sondern nur zögerlich, unselbstständig und letztendlich abhängig machen.

Mut, Zuversicht, Vertrauen in die eigenen Stärken und vor allem das Lernen aus Fehlern werden uns helfen, auch neue und unbekannte Situationen zu meistern. Und Leader, die uns dabei die Flügel heben und nicht stutzen.


„Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren.“.
(Benjamin Franklin, amerikanischer Präsident)

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

10 − 8 =